In Arbeit: Das Ende von Sexismus in der Hackerkultur

This is a German translation of our recent blog post on sexism in hacker culture (click here for the English original). Translation courtesy of @fin, @bekassine und @michaelem.

[Übersetzung ins Deutsche von @fin, @bekassine und @michaelem]

Letzte Woche wurde wieder global über Sexismus in der Hackerkultur diskutiert. Auslöser dafür waren eine Reihe von sexistischen Vorfällen am 29ten Chaos Communication Congress, einer Veranstaltung die jährlich in der letzten Woche des Jahres in Deutschland abgehalten wird.

Die Vorfälle begannen damit, dass jemand aus den sogenannten "Creeper Move Cards" ein Bild eines nackten Frauenkörpers (Link führt nicht direkt zum Bild) an eine Wand klebte. Diese "Creeper Move Cards" waren gedruckt worden um auf das Thema Sexismus aufmerksam zu machen, was in diesem Fall auch gelungen war. Weiters wurde im Wiki der Konferenz eine Seite erstellt, die die TeilnehmerInnen im Rahmen eines Spiels dafür belohnte, anderen gegenüber sexistische Kommentare abzulassen oder unerwünschte sexuelle Annäherungsversuche zu unternehmen. Außerdem machte ein Moderator des beliebten Spiels "Hacker Jeopardy" im Rahmen der Show wiederholt sexistische Kommetare wie zB. "Jetzt müssen wir leider aus Gleichstellungsgründen eine Frau nehmen", ohne dass die Organisatoren der Konferenz eingegriffen hätten.

Schnell reagierten sowohl KonferenzteilnehmerInnen, als auch die weltweite Community. TeilnehmerInnen erstellten eine Webseite, auf der sexistische Vorfälle am Congress dokumentiert wurden. Die Kritik verbreitete sich explosionsartig durch die sozialen Medien – "Ich behaupte, die Konferenz-Orga hat versagt und euer Team ist eine symbolische und sinnlose Geste" [übersetzt] – wiederum nicht nur auf der Konferenz, sondern auch in der weiteren Community.

Diese Vorfälle brachten für die bekannte Online-Aktivistin und Cryptoparty-Gründerin Asher Wolf das Fass zum Überlaufen und sie bloggte über die sexistische Diskriminierung und Belästigung, die sie in der Hacker-Community erfahren hatte. Wie zum Beweis ihrer Aussagen wurde kurz darauf ihre Website gehackt und persönliche Daten online gepostet.

Diese Vorfälle waren umso schlimmer, weil nur ein paar Tage zuvor eine offizielle Anti-Harassment-Policy (Anti-Belästigungs-Richtlinie) veröffentlicht wurde. Im Zuge dessen wurde auch eine Telefonnummer eingerichtet, an die diskriminierende Vorfälle gemeldet werden konnten und es stand ein Team zur Verfügung, das auf Meldungen reagieren sollte. Die Ada Initiative sah dies als ein Zeichen des Fortschritts, auch weil der 29c3 damit bereits als dritte Hackerkonferenz eine spezifische, durchsetzbare Policy hatte.

Kritik an der Reaktion der Organisatoren war unter KonferenzteilnehmerInnen weit verbreitet und dauert bis heute an. Wir sind selbst traurig und bestürzt, dass viele TeilnehmerInnen aller Geschlechter Belästigung erfahren hatten und von den Organisatoren im Stich gelassen wurden. Wundert es also, dass Viele öffentlich verzweifelten und fragten, ob Frauen jemals eine Hackerkonferenz besuchen könnten, ohne als Stück Fleisch gesehen zu werden?

So sieht Fortschritt aus

Unsere hoffnungsvolle Ansage: Genau so sieht Fortschritt aus. So schmerzhaft diese letzte Woche auch war, so sehr zeigen diese Ereignisse auch, dass sich die Hackerkultur in eine Zukunft bewegt, in der Frauen nicht aktiv entmutigt werden, Teil der Hackercommunity zu sein.

Als letzten August Sexismus bei der Hacker-Konferenz DEFCON Schlagzeilen machte, drehte sich die Diskussion innerhalb der Community darum, ob Sexismus überhaupt existierte, ob Grenzübertretungen und Beschimpfungen als Sexismus zählen, ob Frauen ein wertvoller Bestandteil der Hackerkultur sein können und ob sexuelle Übergriffe zentraler Bestandteil der Hackerkultur sind. Im August 2012 hatte keine Hacker-Konferenz eine öffentliche, konkret durchsetzbare Anti-Harassment Policy.

Letzte Woche hingegen drehte sich die Diskussion darum, wie die Hackercommunity auf Sexismus reagieren sollte, nicht ob er existiert oder ob Frauen einfach mit Übergriffen rechnen müssen. Nun haben drei Hackerkonferenzen öffentliche, spezifische und durchsetzbare (wenn auch vielleicht schlecht durchgesetzte) Anti-Harassment Policies. Als diese Policy am Congress schlecht durchgesetzt wurde, organisierten sich Anwesende spontan, diskutierten Verbesserungen für die nächste Konferenz und stellten eine Liste mit praktischen, sinnvollen Verbesserungsvorschlägen zusammen. Sexismus in der Hackercomunity hat schon immer existiert, allerdings sind sich jetzt mehr Leute denn je dessen bewusst und ergreifen Maßnahmen um diesen zu bekämpfen.

Der Kampf gegen Sexismus: ein laufender Prozess

Von hier an ist bestimmt nicht alles ein Zuckerschlecken: Um im Kampf gegen Sexismus erfolgreich zu sein, müssen wir weiter auf die Verantwortlichkeit mächtiger Menschen pochen, unabhängig davon ob das für sie unangenehm oder peinlich ist. Wir sind hier um zu diskutieren, wie dieser Prozess funktioniert.

Zuerst wollen wir ein Beispiel geben, wie dieser Prozess in ähnlichen internationalen, kreativen, peer-to-peer-organisierten Communities funktioniert. In den letzten zwei Jahren gab es messbaren Fortschritt für Frauen in Open Source Software, Wikipedia, und ähnlichen Communities. Die Ada Initiative sieht sich in einer Führungsrolle für diese Bewegung: Wir arbeiten direkt mit Konferenzen und Firmen zusammen, vernetzen Frauen in dem Bereich durch die AdaCamp Konferenzen und arbeiten an einer freien (CC-BY-SA lizenzierten) Wissensdatenbank über Feminismus im Geek-Kontext mit, damit nicht jede Community und jede Konferenz ganz von vorne anfangen muss.

Wir haben gelernt, dass gesellschaftlicher Wandel ein Prozess ist. Wir sehen diesen folgendermaßen:

  1. Sensibilisierung: Leuten beizubringen, dass das Problem existiert
  2. Lösungsfindung: Praktische Methoden zu finden, die Community zu ändern
  3. Maßnahmen ergreifen: Diese Methoden implementieren

Das Erstellen und Austeilen der "Creeper Move Cards" hat unübersehbar ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Sexismus auf Konferenzen existiert. Das Erstellen und Verbreiten von Anti-Harassment-Policies für Konferenzen hat einen Lösungsweg aufgezeigt. Dass Konferenzorganisatoren jetzt diese Policies durchsetzen ist eine Implementierung dieses Lösungswegs.

Damit dies funktioniert müssen wir diese Schritte immer und immer wieder gehen, wir müssen riskieren, Fehler zu machen und wir müssen lernen, es nächstes Mal besser zu machen. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Umsetzung dieses Prozesses ist die Australische/Neuseeländische Opensource Konferenz linux.conf.au.

Beispielfall: eine Konferenz über Opensource Software

Linux.conf.au ist die bekannteste Opensource Konferenz in dieser Region und zieht hunderte von ReferentInnen und TeilnehmerInnen aus allen Teilen der Welt an. Heutzutage hat sie eine starke, gut durchgesetzte Anti-Harassment Policy, einen hohen Anteil von Frauen als Referentinnen und Teilnehmerinnen und einen Ruf als freundliche und einladende Konferenz für alle. Aber es war nicht immer so.

Vor einigen Jahren hatte die linux.conf.au Vorfälle, in denen Frauen ohne deren Zustimmung fotografiert, Teilnehmerinnen körperlich bedroht und Witze darüber gemacht wurden, dass Hans Reiser Teilnehmerinnen töten würde. Im Jahr 2010 hatte die Konferenz zum ersten Mal eine "Diskriminierungspolicy", die belästigendes und diskriminierendes Verhalten verbot. Diese Policy war jedoch so vage formuliert, dass es Diskussionen darüber gab, ob beispielsweise sexistische Witze diskriminierend seien.

Als Ende 2010 eine in der Open Source Community bekannte Frau den Namen des Mannes nannte, der sie auf der ApacheCon begrapscht hatte, löste das eine weltweite Diskussion über sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe in der Open Source Community aus. Dieser Diskurs führte schließlich (neben der Gründung der Ada Initiative) dazu, dass eine Vorlage für eine konkrete und vollziehbare Anti-Harassment Policy ausgearbeitet wurde, welche die linux.conf.au im Jahr 2011 übernahm.

Als ein Keynote-Sprecher 2011 diese Policy mehrfach verletzte (und zum Beispiel pornografische Bilder in seiner Präsentation verwendete), folgte eine Diskussion, die die Community mehrere Monate beschäftigte und zu weiteren sexistischen Vorfällen auf der Mailingliste der Konferenz führte. Schlussendlich entschuldigte sich der Referent und die Videoaufnahme des Vortrages wurde editiert um zu reflektieren, dass der Vortrag die Konferenzregeln und die Prinzipien der Organisatoren verletzte. Linux Australia, die Organisation, die hinter der Konferenz steht, bestätigte die Unterstützung ihrer Anti-Harassment-Policy und die Konferenz hatte 2012 keine signifikanten Vorfälle.

Einzelne Mitglieder der Community unterstützen weiterhin Sexismus und handeln weiterhin sexistisch, nur wissen sie jetzt, dass sie mit Sanktionen, Strafen und Abscheu von Seiten der Community rechnen müssen. Die Kulturnormen dieses Teils der Opensource Community haben sich sichtlich verändert.

Im Großen und Ganzen ist es mittlerweile in der Open Source Community die Norm, dass gegen Belästigung auf Konferenzen gekämpft wird.
Die meisten großen und auch kleinen Konferenzen haben Anti-Harassment-Policies und setzen sie auch durch. Die Python Software Foundation geht sogar weiter und verkündete vor Kurzem, dass sie keine Events ohne solchen Policies finanziell unterstützen würden, und uns wurde gesagt, dass viele Sponsoren der gleichen Meinung sind, dies aber nicht nach außen kommunizieren. Ermutigend ist besonders, dass Open Source Konferenzen nun ihre Aufmerksamkeit auf die Auswahl von ReferentInnen legen und sowohl auf Diversität bei der Auswahl der ReferentInnen achten, als auch Konferenzen darauf aufmerksam machen, wenn sie nur männliche und nur weiße ReferentInnen haben.

Hört auf, meine Konferenz zu ruinieren!

Wir werden immer wieder gefragt: Können wir all diese Unannehmlichkeiten nicht einfach überspringen und stattdessen nach dem Grundsatz "be excellent to each other" leben? Wir sind schließlich erwachsene Menschen, nicht wahr?

Gesellschaftliche Veränderung findet nicht statt, weil wir einfach darum bitten.

Veränderungen passieren durch Proteste, Hungerstreiks und öffentliche Aktionen. Veränderungen blockieren den Verkehr auf den Straßen großer Städte. Veränderungen passieren, wenn geheime Regierungsdokumente geleakt werden. Sie geschehen als Resultat von Unruhen, ausgebrannten Häusern und Tränengaskanistern auf die Nasen von Demonstranten. Wir können uns glücklich schätzen, dass Protest gegen Sexismus in der Hackerkultur hauptsächlich mit bösen Worten gekontert wird – besonders wenn wir gegen etwas Protestieren, das oft genug körperliche sexuelle Übergriffe auf Frauen beinhaltet. Wenn du noch keine Übergriffe oder Belästigung erlebt hast, mag diese unangenehme Diskussion wie ein Schritt zurück aussehen, aber für jene, die so etwas schon erlebt haben, ist die Diskussion eine klare Verbesserung!

Die Folgen dieser Art von Protesten sind unbequem und manchmal gefährlich für Leute die ihren Alltag leben. Jedoch sind diese Unannehmlichkeiten oft schon zuvor im Leben von Unterdrückten zu finden. Viele Frauen können schon nicht zu Hackerkonferenzen gehen, ohne mit Sexismus rechnen zu müssen. Wenn du diese Woche zum ersten Mal mit Sexismus konfrontiert wurdest, stell dir vor wie es ist, jedes Mal mit Sexismus konfrontiert zu werden, wenn du einen IRC-Channel betrittst, öffentlich bloggst oder zu einer Konferenz gehst. Das wäre ziemlich schrecklich, oder? Es könnte sogar dazu führen, dass du die Hackercommunity verlässt.

Die Antwort auf "hört auf meine Konferenz zu ruinieren" darf nicht "hört auf Sexismus aufzuzeigen" sein, sondern muss "hört auf sexistisch zu handeln" lauten. Beschuldige nicht die Opfer dafür, dass sie Sexismus aufzeigen, oder dass sie es auf eine für dich unangenehme Weise machen. Schlussendlich macht Sexismus sowohl Männer als auch Frauen mehr als leicht betroffen; Sexismus verletzt sie und vertreibt sie aus der Community. Wir forden den Chaos Communication Congress auf, hinter seiner Policy zu stehen, umfassende und funktionierende Prozeduren zu entwickeln und sich in Zukunft zu ihrer Durchsetzung zu bekennen

Wenn wir alle weiter zusammen arbeiten, laut bleiben und Maßnahmen gegen Diskriminierung ergreifen, wird sich Sexismus aus der Hackercommunity zurückziehen, wie es schon in anderen Communities passiert ist. Und das kannst du selbst tun:

Danke an alle, die letzte Woche über Sexismus und Belästigung diskutiert haben. Ihr macht gesellschaftliche Veränderung möglich. Kontaktiert uns gerne, wenn ihr Unterstützung braucht.

[Kommentare sind nur unter der englischen Version dieses Posts aktiv.]

Die Ada-Initiative ist eine gemeinnützige Organisation, die sich für die Steigerung der Partizipation und des Status von Frauen im Feld "Open Technology and Culture" einsetzt. Unsere Arbeit, welche diesen Blogpost, die Vorlage für eine Anti-Harassment Policy und viel der dazugehörigen Dokumentation beinhaltet, wird durch Spenden von Community Mitgliedern wie dir finanziert.

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